Schutzkonzepte für Patientengruppen in CBRN-Gefahrenlagen

(Bild: Beearter/Shutterstock)Ulm (lse) – Chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrenlagen (CBRN) stellen Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen. Die Johanniter beispielsweise veröffentlichten bereits im Jahre 2010 ihren „Leitfaden für Rettungs- und Einsatzdienste bei Ereignissen mit chemischen, biologischen Gefahrstoffen, mit radioaktiven Stoffen und ionisierender Strahlung“ (GEMAESS). Wenig beachtet wird aber nach wie vor die Frage, wie es um den Schutz von Erkrankten oder Hilfsbedürftigen in solch einer Situation bestellt ist.

Das Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS) nimmt diese Bevölkerungsgruppe im Rahmen des Forschungsprojekts „CBRN-Rescue“ in den Fokus. Ziel ist es zum einen, neue Schutz- und Rettungskonzepte für Patientinnen und Patienten in solchen Situationen zu erarbeiten. Zum anderen möchten die Forschenden die Einsatzkräfte im Bevölkerungsschutz durch praxistaugliche Lösungen unterstützen.

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Beispiele für vergangene CBRN-Lagen

CBRN-Substanzen können vorsätzlich oder durch einen Unglücksfall, beispielsweise beim Transport, in die Umgebung gelangen und so zu einer Gefahr für die Bevölkerung werden. Für die Wirkung auf Betroffene ist es dabei unerheblich, welcher Grund für das Freiwerden von CBRN-Substanzen verantwortlich ist. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) nennt als Ereignisse für CBRN-Lagen unter anderem den vereitelten Rizin-Anschlag in Köln-Chorweiler (2018), den Sandoz-Unfall in Basel (1986) und die Nuklearkatastrophe von Fukushima (2011). Die Gemeinsamkeit zwischen diesen Einsatzlagen ist laut BBK die absichtlich herbeigeführte oder unbeabsichtigt ereignete Freisetzung von Stoffen, von denen chemische, biologische, radiologische oder nukleare Gefährdungen für Einsatzkräfte und Unbeteiligte ausgingen.

Für Szenarien mit CBRN-Gefahren stehen verschiedene Schutzkonzepte und Ausrüstungen zur Verfügung. Bestehende Einsatzkonzepte nehmen jedoch primär den Schutz der Einsatzkräfte in den Blick, wohingegen die spezifischen Anforderungen von Patientinnen und Patienten im Gefahrenbereich bislang nur begrenzt berücksichtigt werden. Aufgrund ihres individuellen Gesundheitszustands und medizinischen Behandlungsbedarfs stellen diese Personengruppen besondere Anforderungen an Schutz-, Rettungs- und Evakuierungsmaßnahmen. Insbesondere bei eingeschränkter Mobilität oder fortlaufendem Behandlungsbedarf sind Lösungen erforderlich, die eine sichere Rettung und medizinische Versorgung auch unter Kontaminationsbedingungen gewährleisten. Vor diesem Hintergrund verfolgt das Forschungsprojekt „CBRN-Rescue“ das Ziel, patientenspezifische Schutz- und Rettungsmaßnahmen zu entwickeln und damit den Bevölkerungsschutz in CBRN-Einsatzlagen nachhaltig zu stärken.

Entwicklung eines ganzheitlichen Schutzkonzepts

Im Mittelpunkt des Projekts steht die Entwicklung eines ganzheitlichen Schutzkonzepts, das sowohl präventive als auch reaktive Maßnahmen umfasst. Dazu gehören einerseits innovative Schutzausrüstungen für unterschiedliche Patientengruppen, beispielsweise Schutzanzüge für selbsthilfefähige Personen sowie spezielle Transport-Body-Bags für nicht selbsthilfefähige Patientinnen und Patienten. Andererseits werden diese Entwicklungen durch praxisorientierte Handlungsempfehlungen für Betroffene und Einsatzkräfte ergänzt.

Das Vorhaben wird gemeinsam mit Partnern aus Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und medizinischer Versorgung umgesetzt, um sicherzustellen, dass die entwickelten Lösungen den realen Anforderungen im Einsatz entsprechen.

Fraunhofer IMWS verfügt über erforderliche Expertise

(Bild: Ica/Shutterstock.)Das Fraunhofer IMWS übernimmt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Bewertung der Schutzsysteme. „In unserem Geschäftsfeld verfügen wir über langjährige Expertise in der Entwicklung, Charakterisierung und Optimierung funktionaler textiler und polymerbasierter Materialien für anspruchsvolle Einsatzbedingungen. Im Rahmen des Projekts untersuchen wir geeignete Werkstoffe und Materialkombinationen hinsichtlich ihrer Schutzwirkung gegenüber chemischen und biologischen Gefahrstoffen sowie ihre mechanischen Eigenschaften, Beständigkeit und Dekontaminierbarkeit“, sagt Annika Thormann, Projektleiterin am Fraunhofer IMWS.

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeiten liegt auf der materialwissenschaftlichen Analyse der entwickelten Schutz- und Transportsysteme. Mithilfe moderner analytischer Methoden werden Struktur-Eigenschafts-Beziehungen systematisch untersucht, um die Leistungsfähigkeit der Materialien zu bewerten und gezielt zu optimieren. Dadurch können die entwickelten Systeme nicht nur hinsichtlich ihrer Schutzfunktion, sondern auch im Hinblick auf Tragekomfort, Robustheit und Praxistauglichkeit weiterentwickelt werden. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung innovativer, anwendungsorientierter Lösungen, die den Schutz von verschiedenen Patientengruppen in CBRN-Gefahrenlagen nachhaltig verbessern sollen.

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