(Bild: Filmbildfabrik/Shutterstock)Ulm (lse) – Teamzusammenhalt, klare Aufgaben und gute Führung sind entscheidend dafür, dass sich Menschen langfristig ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz engagieren. Das zeigt eine aktuelle Studie der Bergischen Universität Wuppertal.
Wissenschaftler der Bergischen Universität Wuppertal haben kürzlich untersucht, unter welchen Bedingungen sich Menschen langfristig freiwillig in Feuerwehren, bei Hilfsorganisationen und anderen Fachdiensten für den Bevölkerungsschutz engagieren. Die im September 2026 veröffentlichten Ergebnisse beruhen auf einer systematischen Auswertung von 87 empirischen Studien aus 24 Ländern mit insgesamt 8.162 Teilnehmenden.
Nach Angaben der Universität handelt es sich um die erste Arbeit, die den internationalen Forschungsstand zu Motivation und Demotivation im Ehrenamt unter Hochrisikobedingungen systematisch zusammenführt.
Teamzusammenhalt bindet Ehrenamtliche
Besonders häufig identifizierten die Forscher die soziale Eingebundenheit als Faktor für einen Verbleib im Ehrenamt. Dazu zählen Teamzusammenhalt, gegenseitiges Vertrauen und die Identifikation mit der eigenen Organisation.
Auch klar und fair verteilte Rollen wirken sich positiv aus. Als weitere Erfolgsfaktoren nennt die Studie eine gute Ausbildung, eine angemessene Einsatzvorbereitung sowie konstruktives und nachvollziehbares Feedback durch Führungskräfte. Motivation entsteht zudem, wenn Ehrenamtliche mitsprechen können und vor Ort eigene Entscheidungsspielräume haben.
Einen Rückzug begünstigen hingegen dauerhafte Überlastung und Konflikte zwischen Ehrenamt, Beruf und Familie. Auch eine hohe Alarmierungsdichte, psychische Belastungen durch das Miterleben fremden Leids, schlechte Führung und Kommunikation, als ungerecht empfundene Entscheidungen sowie mangelnde Anerkennung können die Motivation beeinträchtigen.
Forscher empfehlen „Alarmhygiene“
Aus den Ergebnissen leiten die Wissenschaftler mehrere Empfehlungen ab. Eine davon ist die sogenannte „Alarmhygiene“. Werden Ehrenamtliche alarmiert und bereits auf dem Weg wieder abbestellt, kann dies Frustration auslösen. Klare Auslösekriterien und eine gezieltere Alarmierung sollen unnötige Alarmierungen reduzieren.
Auch Erholungsphasen, psychologische Betreuung und Einsatznachbesprechungen sollten stärker im Regelbetrieb berücksichtigt werden. Rollen und Entwicklungsmöglichkeiten müssten transparent sein. Empfohlen werden außerdem weniger Bürokratie sowie Mentoringmodelle, bei denen neue Mitglieder eine feste Ansprechperson erhalten.
Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass viele der ausgewerteten Studien aus den USA und Australien stammen. Die Strukturen von Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz unterscheiden sich international teilweise erheblich.
1,76 Millionen Ehrenamtliche im Bevölkerungsschutz
Wie wichtig die Bindung von Ehrenamtlichen für Deutschland ist, zeigt eine 2025 veröffentlichte Studie von Zivilgesellschaft in Zahlen (ZiviZ) im Stifterverband im Auftrag des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Die Sonderauswertung verbindet Daten aus dem Deutschen Freiwilligensurvey, dem ZiviZ-Survey und dem Vereinsregister. Danach engagieren sich rund 1,76 Millionen Erwachsene ehrenamtlich im Zivil- und Katastrophenschutz. Das entspricht etwa drei Prozent der erwachsenen Wohnbevölkerung. Die Engagementquote ist seit 1999 weitgehend konstant.
Trotzdem sieht ein großer Teil der Organisationen zusätzlichen Personalbedarf. Nur knapp ein Drittel der befragten operativ tätigen Organisationen gab an, über ausreichend Mitglieder zu verfügen, um die gestiegenen Anforderungen bewältigen zu können.
Als einen Grund für den Mehrbedarf nennt die Studie unter anderem Extremwetterereignisse. Ehrenamtliche müssen dadurch häufiger ausrücken und längere Einsätze bewältigen. Zudem fällt es den Organisationen zunehmend schwer, ehrenamtliche Leitungspositionen zu besetzen.
Frauen weiterhin unterrepräsentiert
Potenzial für zusätzliche Mitglieder sehen die Autoren der ZiviZ-Studie unter anderem bei bislang unterrepräsentierten Gruppen. Frauen stellen organisationsübergreifend durchschnittlich nur rund 20 Prozent der Mitglieder. Möglichkeiten sehen die Autoren auch bei Menschen mit Migrationsgeschichte und Menschen mit Behinderungen.
Zu den von Organisationen genannten Verbesserungsmöglichkeiten gehören eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt, weniger Bürokratie und die Gleichstellung von Helfenden. Dazu zählen unter anderem steuerliche Fragen bei Aufwandsentschädigungen und Unkosten sowie die versicherungsrechtliche Absicherung.
Gemeinschaft schon 2021 als wichtiger Faktor erkannt
Die Bedeutung von Gemeinschaft und sozialen Faktoren zeigte bereits eine Untersuchung der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) für das nordrhein-westfälische Innenministerium. Ergebnisse der Untersuchung wurden im November 2021 veröffentlicht; das zugrunde liegende Forschungsprojekt lief noch bis Ende Januar 2022. Rund 8.500 Ehrenamtliche und 1.500 Personen aus der Allgemeinbevölkerung nahmen daran teil.
Die Ehrenamtlichen waren im Durchschnitt bereits seit 17 Jahren aktiv. Als wichtige Motive nannten sie Freude am Engagement, Gemeinschaft, Sinnhaftigkeit, neue Erfahrungen und die Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen. Probleme bereiteten vor allem die Vereinbarkeit mit dem Beruf und teilweise komplizierte Freistellungen durch Arbeitgeber.
Die Befragung der Allgemeinbevölkerung zeigte zugleich eine grundsätzliche Bereitschaft zum Engagement. Vielen war jedoch nicht ausreichend bekannt, wie der Katastrophenschutz aufgebaut ist und wie sie sich dort engagieren können. Als mögliche Einstiegsformen wurden Schnupperangebote und ein zeitlich begrenztes Engagement genannt.
Zwei Drittel halten Staat ohne Ehrenamt für kaum handlungsfähig
Welche Bedeutung dem Ehrenamt heute zugeschrieben wird, zeigt der Malteser Ehrenamtsmonitor 2026. Dafür befragte YouGov im Auftrag der Malteser vom 22. bis 24. Juli 2026 insgesamt 2.057 Erwachsene. Die Befragung ist nach Angaben der Malteser repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Religion.
65 Prozent sind der Ansicht, dass der Staat bei größeren Krisen wie Hochwasser, Stromausfällen, Pandemien oder äußeren Bedrohungen ohne ehrenamtliche Kräfte im Bevölkerungsschutz nicht oder kaum handlungsfähig wäre. Gleichzeitig sehen 54 Prozent die Hauptverantwortung für Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz beim Staat.
Mehr als vier von fünf Befragten sind der Auffassung, dass Ehrenamt professionelle Strukturen ergänzen und wirksamer machen, diese aber nicht ersetzen kann. 81 Prozent erwarten, dass bei knapper werdenden staatlichen Leistungen der Druck auf Ehrenamtliche steigt, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen.
Bessere Bedingungen könnten mehr Helfer mobilisieren
Der Ehrenamtsmonitor 2026 zeigt zugleich, unter welchen Bedingungen sich Menschen stärker engagieren würden. 30 Prozent nennen die Erstattung entstandener Kosten, 28 Prozent mehr zeitliche Flexibilität und 27 Prozent Vorteile bei der Altersvorsorge. Gute Schulungen nennen 23 Prozent, weniger Bürokratie 22 Prozent.
Insgesamt geben 41 Prozent an, dass sie sich bei verbesserten Rahmenbedingungen erstmals, erneut oder stärker ehrenamtlich engagieren würden. Nur 16 Prozent können sich unter keinen Umständen vorstellen, sich häufiger oder erneut einzubringen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Vereinbarkeit mit dem Beruf. Schon die 2021 veröffentlichte KU-Untersuchung identifizierte Schwierigkeiten bei der Freistellung durch Arbeitgeber. Auch die ZiviZ-Studie von 2025 nennt eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt als Ansatzpunkt.
Hinzu kommt die Abgrenzung zwischen Ehrenamt und staatlicher Verantwortung. Im Malteser-Ehrenamtsmonitor 2026 geben 52 Prozent der Befragten mit eigener Ehrenamtserfahrung an, das Gefühl zu kennen, mit ihrem Engagement Aufgaben staatlicher Stellen oder hauptamtlicher Kräfte zu übernehmen.