Mehr Ertrinkungstote: Wie neue Technik die Wasserrettung verbessern soll

(Bild: Denis Foemer/DLRG)Bad Nenndorf/Deggendorf (lse) – Mindestens 261 Menschen sind 2026 in Deutschland laut DLRG bis Ende Juli ertrunken. Auffällig ist die Entwicklung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wissenschaftler arbeiten derweil an neuen Techniken, um Menschen in Not schneller zu erkennen, zu orten und zu retten.

Die Zahl der Ertrinkungstoten in Deutschland liegt 2026 bislang über dem Vorjahresniveau. Nach der Zwischenbilanz der DLRG kamen in den ersten sieben Monaten mindestens 261 Menschen in Gewässern ums Leben. Das sind 15 Todesopfer mehr als im gleichen Zeitraum 2025.

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„Betrachten wir nur die bisherigen drei Bademonate, gab es über 30 Todesfälle mehr als vor einem Jahr. Insbesondere im Juni kam es zu einem dramatischen Anstieg an Unfällen“, sagt DLRG-Präsidentin Ute Vogt. Mehr als 100 Ertrinkungstote in einem Juni hatte die Organisation zuletzt im Jahr 2003 registriert.

Neun von zehn Todesfällen in Binnengewässern

(Bild: Sascha Walther/DLRG)Besonders deutlich wird in der Statistik erneut das Risiko frei zugänglicher Binnengewässer. Rund 90 Prozent der Todesfälle ereigneten sich dort. In Seen und Teichen starben bis Ende Juli 118 Menschen. In Bächen und Flüssen kamen 90 Menschen ums Leben. Weitere 17 Menschen ertranken in Kanälen. Auch an der Ostsee und in Schwimmbädern registrierte die DLRG jeweils 14 Todesfälle.

Für die DLRG verweist die Verteilung der Unglücke auf ein grundsätzliches Problem: Viele besonders gefährliche Gewässer sind unbewacht. „Die Zahlen zeigen wieder einmal, dass es besonders dort lebensbedrohlich wird, wo zumeist keine Rettungskräfte vor Ort sind, die im Notfall schnell Hilfe leisten können“, erklärt Vogt.

Zahl der jungen Ertrinkungsopfer steigt stark

Besorgniserregend ist die Entwicklung in der Altersgruppe der 11- bis 30-Jährigen. 2026 sind es bereits 75. 95 Prozent dieser Opfer waren männlich. Die DLRG sieht dabei als Risikofaktoren leichtsinniges Verhalten, Alkohol und andere Drogen. Hinzu komme, dass manche Betroffene nicht oder nur schlecht schwimmen könnten.

Eine weitere Risikogruppe sind ältere Menschen. Von den Unfallopfern bekannten Alters waren 59 und damit mehr als jeder Vierte über 70 Jahre alt. Bei älteren Schwimmerinnen und Schwimmern können laut DLRG gesundheitliche Vorerkrankungen zu Badeunfällen beitragen. Auch Selbstüberschätzung und mangelnde Vorsicht spielen eine Rolle.

Unter Kindern bis einschließlich zehn Jahren zählt die DLRG mindestens acht Todesopfer. Die Zahl der Todesfälle allein bilde das tatsächliche Ausmaß des Problems aber nicht vollständig ab. Rettungskräfte würden immer wieder zu schweren Badeunfällen gerufen, bei denen Kinder reanimiert werden müssten. Vielfach liege dann mangelhafte Aufmerksamkeit der Eltern vor. Die DLRG versucht deshalb mit Kampagnen, die Eltern zu sensibilisieren und an ihre Verantwortung zu erinnern.

Technik soll die Rettungskette schneller machen

An der Technischen Hochschule Deggendorf beschäftigen sich Wissenschaftler um Prof. Dr. Markus Straßberger damit, wie intelligente technische Systeme die Wasserrettung unterstützen können. Das Projekt wird von der Daimler und Benz Stiftung mit 143.000 Euro gefördert. Ziel ist es, die Rettungskette systematisch zu untersuchen und technische Lösungen für bislang bestehende Lücken zu entwickeln.

Das Forschungsteam hat zunächst eine systematische Anforderungsanalyse begonnen. Untersucht werden sollen die Ursachen tödlicher Unfälle und die einzelnen Stationen der Rettungskette: Eine Notlage muss erkannt, die betroffene Person lokalisiert und schließlich möglichst schnell gerettet werden.

(Bild: Matthias Balk/BRK)Für die Entwicklung neuer Systeme arbeiten die Wissenschaftler mit DRK-Wasserwacht und DLRG zusammen. Die Praxiserfahrung der Einsatzkräfte ist für das Projekt entscheidend. Denn technische Lösungen sollen nicht nur Verunglückte schneller auffinden, sondern auch die Sicherheit der Retter berücksichtigen. Starke Strömungen, schlechte Sicht und schwer zugängliche Uferbereiche können die Einsatzkräfte selbst gefährden. In Workshops wollen die Forscher deshalb zunächst herausarbeiten, mit welchen Problemen Wasserretter bei realen Einsätzen konfrontiert sind. Daraus sollen realistische Szenarien entstehen, für die anschließend technische Lösungen entwickelt werden. Zwei bis drei Prototypen sind geplant.

Wasserroboter, Sonar und Rettungsdrohnen

Einige technische Systeme haben bereits den Weg in die Wasserrettung gefunden. Straßberger berichtet beispielsweise von schwimmenden, ferngesteuerten Wasserrobotern mit Kamera. Bei einzelnen Wasserwachten würden solche Geräte eingesetzt, um Personen aus Entfernungen von bis zu 800 Metern zu retten.

Für die Suche unterhalb der Wasseroberfläche kommen teilweise Boote mit Sonarsystemen zum Einsatz. Gerade hier zeigt sich jedoch eine technische und taktische Schwierigkeit: Die Auswertung der Echosignale erfordert Erfahrung. Eine Person unter Wasser schnell und eindeutig zu lokalisieren, ist mit den vorhandenen Systemen nicht immer einfach.

Daneben gibt es Drohnen, die Rettungsringe abwerfen können. Flächendeckender Standard sind diese Systeme jedoch nicht. Nach Angaben Straßbergers befinden sie sich vielerorts noch in der Erprobung.

Für neue Entwicklungen spielt außerdem der Preis eine entscheidende Rolle. Ein System, das zwar technisch funktioniert, für Wasserrettungseinheiten aber nicht finanzierbar ist, dürfte in der Praxis nur begrenzte Wirkung entfalten. Deshalb sollen die Kosten bereits während der Entwicklung berücksichtigt werden.

Eine der untersuchten Ideen betrifft die Personensuche unter Wasser. Anstatt nur ein einzelnes Sonarboot einzusetzen, könnten mehrere autonome Tauchroboter mit vergleichsweise preiswerten Sonaren gleichzeitig ein Suchgebiet absuchen. Dadurch ließe sich eine größere Fläche schneller und effizienter erfassen.

Eine weitere Idee setzt nicht beim Rettungsmittel, sondern bei der Badebekleidung an. Kleine eingenähte Reflexionsflächen könnten dafür sorgen, dass eine Person von Sonarsystemen leichter erkannt wird und ein eindeutigeres Echosignal erzeugt.

Noch weiter geht ein Ansatz zur automatisierten Früherkennung. Denkbar wäre nach Angaben Straßbergers beispielsweise, auf dem Grund kleinerer Badegewässer eine technische Infrastruktur wie Glasfaserkabel auszubringen. Die darüber gewonnenen Daten könnten permanent ausgewertet werden, um ungewöhnliche Bewegungsmuster unter Wasser zu erkennen. Mittels Anomaliedetektion müsste ein solches System normale Bewegungen – etwa von Fischen – von möglichen Notfällen unterscheiden. Ob sich das technisch zuverlässig umsetzen lässt, ist derzeit allerdings offen.

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