Motorradunfälle: Wenn jede Minute zählt
(Bild: Nehris/Shutterstock)Ulm (lse) – Mit der Kampagne „Hartes Pflaster: Landstraße“ will der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) Motorradfahrerinnen und -fahrer für die besonderen Risiken auf Landstraßen sensibilisieren.
Anlass sind aktuelle Ergebnisse einer Forsa-Umfrage: 45 Prozent der befragten Motorradfahrerinnen und -fahrer haben in den vergangenen zwei Jahren mindestens eine kritische Situation auf einer Landstraße erlebt, bei der ein Unfall nur knapp vermieden werden konnte. Gleichzeitig halten 72 Prozent das Fahren auf Landstraßen für sicher – obwohl 89 Prozent wissen, dass sich die meisten tödlichen Motorradunfälle genau dort ereignen.
Schwere Verletzungsmuster ohne Knautschzone
Für den Rettungsdienst beginnen die Besonderheiten dieser Einsätze bereits am Unfallort.
(Bild: UKR/Martin Meyer)„Rettungseinsätze mit verunfallten Motorradfahrern sind immer sehr speziell“, beschreibt die leitende Hubschrauberärztin Dr. Katrin Judemann vom Universitätsklinikum Regensburg. Anders als Insassen eines Pkw verfügen Motorradfahrende über keine schützende Knautschzone. Entsprechend häufig müssen Einsatzkräfte mit schweren Verletzungen rechnen – von Wirbelsäulenverletzungen bis hin zu offenen Verletzungen oder inneren Blutungen mit erheblichem Volumenverlust.
Gerade der massive Blutverlust stellt präklinisch eine besondere Herausforderung dar. Seit März 2021 führt die Besatzung des Rettungshubschraubers „Christoph Regensburg“ deshalb Blut- und Plasmapräparate bei jedem Einsatz mit. Ziel ist es, Patientinnen und Patienten bereits am Unfallort zu stabilisieren, insbesondere wenn der Transport in eine geeignete Klinik längere Zeit in Anspruch nimmt. Nach Angaben des Universitätsklinikums konnten bereits kurz nach Einführung des Konzepts zwei schwer verletzte Motorradfahrer durch die präklinische Gabe von Blut- und Plasmapräparaten stabilisiert an die Klinik übergeben werden.
Prioritäten im Schockraummanagement
Die Versorgung schwer verletzter Motorradfahrer beginnt beim Rettungsdienst an der Einsatzstelle und während des Transports in die Klinik. Im dortigen Schockraum wird das präklinische ABCDE-Schema fortgesetzt. Auffällige massive äußere Blutungen besitzen höchste Priorität und müssen sofort kontrolliert werden. Erst anschließend folgen die systematische Sicherung der Atemwege, die Beurteilung der Atmung, die Kreislaufstabilisierung, die neurologische Untersuchung sowie die vollständige Inspektion des Patienten.
(Bild: Melina Kalwey/Bergmannsheil)Im Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil (Bochum/NRW) wird genau dieser Ablauf regelmäßig anhand realistischer Motorradunfall-Szenarien trainiert. In einem speziell ausgestatteten Skills Lab versorgen interprofessionelle Teams einen Patientensimulator, der Atmung, Kreislaufparameter und weitere Vitalfunktionen realitätsnah nachbildet. Ziel ist es, lebensrettende Maßnahmen routiniert, strukturiert und nach Prioritäten einzuleiten.
Polytrauma bleibt diagnostische Herausforderung
Schwere Motorradunfälle führen häufig zu Polytraumata. Wie komplex solche Einsätze sein können, zeigt der Fall eines 55-jährigen Motorradfahrers, der nach einem Sturz mit Beckenfraktur, mehrfacher Hüftgelenkspfannenfraktur, Fußfraktur sowie Rippenserienfraktur mit Lungenquetschung in die Notaufnahme der Dresdner Uni-Klinik eingeliefert wurde. Nach Angaben der behandelnden Ärzte verdeutlicht gerade dieser Fall die Bedeutung eingespielter Abläufe im Rettungsdienst und Schockraum.
Die neue DVR-Kampagne richtet den Fokus vor allem auf Landstraßen. Nach der Forsa-Befragung werden schlechte Fahrbahnen, Nässe oder Wildwechsel von den meisten Motorradfahrenden als Gefahren erkannt. Kurven werden dagegen vergleichsweise selten als Risiko wahrgenommen, obwohl gerade dort besonders viele schwere Motorradunfälle passieren. Auch Gruppendynamik beeinflusst das Fahrverhalten: 68 Prozent der Befragten beobachten riskanteres Fahren innerhalb von Motorradgruppen. Gleichzeitig haben trotz des hohen Nutzens von Fahrsicherheitstrainings 57 Prozent der Befragten noch nie an einem solchen Training teilgenommen.
Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) verletzten sich im vergangenen Jahr bei Unfällen 26.440 Personen auf „klassischen“ Motorrädern (amtliches Kennzeichen). 481 Menschen kamen ums Leben, was einem Rückgang von rund sechs Prozent gegenüber 2024 (513 Getötete) entspricht. Hinzu kommen 12.876 verletzte Personen auf Mofas, Rollern oder Kleinkrafträdern (Versicherungskennzeichen).
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