KI für Leitstellen: „Notfallversorgung neu denken“

(Bild: Björn Steiger Stiftung)Winnenden (lse) – Extremwetter, steigende Einsatzzahlen und komplexe Lagen stellen Leitstellen vor neue Anforderungen. Ein Forschungsprojekt unter Koordination der Björn Steiger Stiftung zeigt, wie KI-gestützte Systeme Disposition und Ressourcenplanung verändern könnten. Joachim von Beesten, Geschäftsführer der Björn Steiger Stiftung für Innovation, Forschung und Sonderfahrzeuge, erläutert die wichtigsten Punkte.

Herr von Beesten, warum sind Leitstellen aktuell besonders gefordert?
Joachim von Beesten: Die Häufung von Extremwetterereignissen stellt Rettungsdienste und Leitstellen vor neue Herausforderungen. Es geht darum, Notfälle auch unter solchen Bedingungen sicher und effizient bewältigen zu können.

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Welche Rolle spielte dabei das Forschungsprojekt AIRCIS?
Joachim von Beesten: AIRCIS hat untersucht, wie Künstliche Intelligenz, datenbasierte Prognosen und simulationsgestützte Planung Leitstellen unterstützen können. Das Projekt wurde über drei Jahre gefördert und ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer zukunftsfesten Infrastruktur.

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Wer war an dem Projekt beteiligt?
Joachim von Beesten: Partner waren Organisationen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, darunter BIGS, IABG, die BTU Cottbus-Senftenberg, das Start-up MOXI und die Integrierte Regionalleitstelle Cottbus. Die Projektkoordination lag bei der Björn Steiger Stiftung.

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Was war der zentrale technische Ansatz?
Joachim von Beesten: Erstmals wurden reale Leitstellendaten, Wetter- und Geodaten sowie Mobilitätsinformationen in einem integrierten Modell zusammengeführt. Daraus entstanden KI-basierte Prognosen und Simulationen, die Einsatzaufkommen, Ressourcenbedarf und mögliche Engpässe vorausschauend abbilden können – sowohl im Alltag als auch bei Extremwetterlagen.

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Welchen praktischen Nutzen haben solche Systeme für Leitstellen?
Joachim von Beesten: Sie ermöglichen belastbare Szenarien, Frühwarnindikatoren und abgestimmte Einsatzkonzepte. Damit lassen sich Ressourcen effizienter einsetzen und Reaktionszeiten verbessern. Durch den modularen Aufbau ließen sich die Auswirkungen zum Beispiel von Ausfall bzw. Hinzunahme von Rettungsmitteln, der Errichtung neuer Rettungswachenstandorte oder auch Krankenhausschließungen simulieren.

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Was zeigen die Ergebnisse im Hinblick auf Leitstellenstrukturen?
Joachim von Beesten: Technisch modern ausgestattete und überregional vernetzte Leitstellen reagieren deutlich resilienter auf außergewöhnliche Lagen als kleinteilige und heterogene Strukturen. Voraussetzung dafür sind bundesweit harmonisierte Datenmodelle und Schnittstellen.

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Welche Bedeutung haben Simulation und Training?
Joachim von Beesten: Digitale Zwillinge, simulationsbasierte Trainings und vorausschauende Planung leisten einen entscheidenden Beitrag, um die Versorgung auch unter Stressbedingungen aufrechtzuerhalten – besonders in Städten, wo Klimafolgen stärker spürbar sind.

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Welche konkreten Empfehlungen ergeben sich daraus?
Joachim von Beesten: Der Abschlussbericht fordert unter anderem eine Stärkung und Bündelung von Leitstellenstrukturen, verbindliche datenbasierte Entscheidungsunterstützung, die Integration von Extremwetter- und Klimarisiken in die Einsatzplanung sowie standardisierte Daten.

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Was bedeutet das politisch und organisatorisch?
Joachim von Beesten: Bund und Länder sind gefordert, die Erkenntnisse in dauerhafte Strukturen, Regelwerke und Förderprogramme zu überführen.

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Wie bewerten Sie die Ergebnisse insgesamt?
Joachim von Beesten: AIRCIS hat eindrucksvoll gezeigt, dass wir Notfallversorgung neu denken müssen: datenbasiert, vernetzt und resilient gegenüber den Folgen des Klimawandels. Die Handlungsempfehlungen bestätigen unsere Forderungen nach leistungsfähigen Leitstellenstrukturen. Jetzt kommt es darauf an, die Erkenntnisse konsequent in politische Entscheidungen und praktische Umsetzung zu überführen – zum Schutz der Menschen, gerade in urbanen Räumen und bei Extremwetterlagen.

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Welche Forderungen leitet Ihre Stiftung daraus ab?
Joachim von Beesten: Wir fordern klare Mindeststandards, funktionale Zuständigkeitsräume und eine stärkere Zusammenarbeit über kommunale Grenzen hinweg. Außerdem sollten KI-gestützte Prognose- und Simulationswerkzeuge fester Bestandteil der Leitstellenarbeit werden – nicht nur im Katastrophenfall, sondern auch für strategische Personal- und Fahrzeugplanung im Alltag.

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Was ist das übergeordnete Ziel?
Joachim von Beesten: Die Erkenntnisse bilden eine belastbare Grundlage, um Leitstellen zukunftsfähig aufzustellen und die Notfallversorgung nachhaltig zu stärken.

Mit Joachim von Beesten sprach Lars Schmitz-Eggen

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