Sepsis: Rettungsdienst für Verdachtsfälle sensibilisieren
(Bild: Kzenon/Shutterstock)Ulm (lse) – Sepsis zählt zu den häufigsten und zugleich am häufigsten übersehenen Notfällen im Rettungsdienst, teilt die Sepsis-Stiftung mit. Aktuelle Auswertungen aus Deutschland zeigten, dass Patientinnen und Patienten mit Sepsis ähnlich häufig durch den Rettungsdienst versorgt würden wie Menschen mit Schlaganfall oder Herzinfarkt, die Sterblichkeit nach dem Einsatz jedoch deutlich höher liege. Rund ein Drittel der Betroffenen sterbe innerhalb von 30 Tagen. Gleichzeitig werde die Sepsis präklinisch nur in einem kleinen Teil der Fälle erkannt bzw. vermutet. Darauf weist die Sepsis-Stiftung unter Berufung auf eine deutsche Kohortenstudie hin, in der Rettungsdienst- und Krankenhausdaten ausgewertet wurden.
Sepsis: Ursachen und Symptome
Sepsis ist keine eigenständige Infektion, sondern die Folge einer fehlgeleiteten Immunreaktion auf einen Infekt. Diese systemische Reaktion führt zu Störungen der Mikrozirkulation, zu Gewebshypoxie und in der Folge zu Organfunktionsstörungen. Für den Rettungsdienst bedeutet das, dass sich das Krankheitsbild häufig nicht durch ein einzelnes Leitsymptom ankündigt, sondern durch eine Kombination unspezifischer Zeichen: Fieber oder Untertemperatur, Tachykardie, erhöhte Atemfrequenz, Bewusstseinsveränderungen oder ein niedriger Blutdruck. Gerade diese unspezifischen Symptome lassen Rettungskräfte nicht an eine mögliche Sepsis denken.
Dabei liegt die Inzidenz von Sepsis im Rettungsdienst nach Angaben der Sepsis-Stiftung auf einem ähnlichen Niveau wie bei Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die 30-Tage-Sterblichkeit ist mit rund 32 Prozent jedoch deutlich höher. Gleichzeitig wird die Diagnose „Sepsis“ präklinisch nur in etwa einem von 20 Fällen gestellt oder zumindest vermutet. Die Stiftung beklagt in diesem Zusammenhang eine erhebliche Unterschätzung des Krankheitsbildes im Rettungsdienst.
Präzise Dokumentation unterstützt Behandlung
(Bild: Kzenon/Shutterstock)Ein weiteres Ergebnis der Studie betrifft die präklinische Dokumentation. Wichtige Vitalparameter würden nicht fortlaufend erfasst oder vollständig übergeben. Nach Einschätzung der Sepsis-Stiftung erschwere dies die frühe Erkennung einer Sepsis und verzögere den Beginn einer zielgerichteten Therapie. Dieser Vorwurf ist insofern verwunderlich, gehört für den Rettungsdienst doch die strukturierte Erhebung von Atemfrequenz, Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Temperatur und Bewusstseinslage zu den Standardmaßnahmen. Insbesondere Veränderungen der Atmung und des mentalen Status könnten frühe Hinweise auf eine mögliche Sepsis sein, so die Stiftung.
Mobile Sepsis-Diagnose im Rettungswagen?
Vor diesem Hintergrund gewinnen technische Ansätze zur Unterstützung der frühen Diagnostik an Bedeutung. Forschende des Deutschen Krebsforschungszentrums und des Universitätsklinikums Heidelberg berichten über ein Verfahren, das auf hyperspektraler Bildgebung der Haut und künstlicher Intelligenz basiert. Analysiert werden Veränderungen der Mikrozirkulation an Handflächen und Fingern, die bereits in frühen Stadien einer Sepsis auftreten. In einer klinischen Studie konnte die Sepsis anhand dieser Daten mit hoher Genauigkeit erkannt werden. Ziel ist es laut den Forschenden, die nicht invasive und mobile Technik perspektivisch auch in Notaufnahmen und im Rettungsdienst einzusetzen.
Parallel dazu sollen strukturelle Verbesserungen entlang der gesamten Versorgungskette greifen. Das vom Bund geförderte Verbundprojekt optiSEP verfolgt das Ziel, Defizite in der Sepsis-Versorgung vom Rettungsdienst bis zur Rehabilitation zu reduzieren. Wie das Universitätsklinikum Leipzig als Konsortialführer mitteilt, sollen Routinedaten genutzt werden, um gefährliche Verläufe früher zu erkennen und Entscheidungen zu unterstützen. Der Rettungsdienst wird dabei ausdrücklich als Teil einer sektorenübergreifenden Versorgungskette genannt, an deren Schnittstellen es zuweilen zu Informationsverlusten komme.
Die Sepsis-Stiftung hat zur Früherkennung eine Sepsischeckliste erstellt. Diese ist abrufbar unter: https://sepsischeck.de
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