(Bild: Ground Picture/Shutterstock)Ulm (lse) – Palliative Notfälle gehören zum Alltag des Rettungsdienstes – doch gerade in diesen Einsätzen treffen Zeitdruck, unklare Patientenwünsche und fehlende Versorgungsalternativen aufeinander. Mehrere Untersuchungen zeigen, warum Einsatzkräfte dabei immer wieder in problematische Situationen geraten.
Der Auftrag für den Rettungsdienst ist eindeutig: Ein Mensch befindet sich in einer akuten gesundheitlichen Krise, der Rettungsdienst soll ihm helfen. Bei einem Patienten am Lebensende kann aber schon die Frage, was in dieser Situation „helfen“ bedeutet, schwierig zu beantworten sein.
Die klassische Notfallmedizin ist auf Stabilisierung, lebensrettende Interventionen und das Abwenden schwerer gesundheitlicher Schäden ausgerichtet. Bei einer palliativen Behandlung steht dagegen die Lebensqualität im Vordergrund. Diagnostik und invasive Therapie sollen auf das notwendige Maß begrenzt werden, eine Verlängerung des Lebens um jeden Preis ist nicht das Ziel. Genau diese unterschiedlichen Ziele müssen Einsatzkräfte bei palliativen Notfällen innerhalb kurzer Zeit in Einklang bringen.
Zwischen Lebensrettung und Sterbebegleitung
Wie groß dieses Spannungsfeld ist, zeigt eine 2025 veröffentlichte Studie zu Einstellungen, Sichtweisen und Kenntnissen von Notärzten. Die zugrunde liegenden Befragungen wurden 2021 – 2023 in zwei Rettungsdienstbereichen durchgeführt. Insgesamt konnten 168 Notärztinnen und Notärzte teilnehmen; nur sechs Befragte (9 Prozent) gaben an, eine Zusatzweiterbildung in Palliativmedizin absolviert zu haben.
Die Befragten beschrieben Unsicherheiten bei der akuten präklinischen Versorgung von Palliativpatienten. Zugleich zeigte sich bei vielen ein Konflikt zwischen den Aufgaben „Leben retten“ und „Sterben begleiten“. Berufserfahrung scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Notärzte mit längerer Einsatzerfahrung fühlten sich im Umgang mit Sterbenden besser vorbereitet als Kollegen mit weniger als fünf Jahren notärztlicher Erfahrung. Nahezu alle Befragten hielten das Thema für wichtig und wünschten sich eine stärkere Berücksichtigung palliativmedizinischer Inhalte in Aus- und Fortbildung.
Dass der Bedarf besteht, ist wenig überraschend. Palliative Einsatzsituationen können sehr unterschiedlich aussehen: Anlass können eine Verschlechterung von Symptomen, Schmerzen, Probleme infolge der Grunderkrankung oder eine zusätzliche akute Erkrankung sein. Ebenso kann eine Überforderung von Angehörigen in der Sterbephase dazu führen, dass der Rettungsdienst gerufen wird. Damit ist nicht jeder Einsatz bei einem Palliativpatienten automatisch eine Situation, in der auf notfallmedizinische Maßnahmen verzichtet werden sollte. Vielmehr muss geklärt werden, welches Problem vorliegt und welches Therapieziel für den konkreten Patienten gilt.
Wenn die Alternative zum Rettungswagen fehlt
Das Problem liegt allerdings nicht allein in der Qualifikation der Rettungskräfte. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) verweist auf eine strukturelle Versorgungslücke. Nach ihren Angaben machen präklinische Notfalleinsätze bei Menschen in einer Palliativsituation drei bis zehn Prozent der Notarzteinsätze aus. Besonders für Hochaltrige und Menschen mit chronischem Organversagen, bei denen bislang keine konkrete palliativmedizinische Behandlungsindikation gestellt wurde, fehle bei einer krisenhaften Verschlechterung eine schnell verfügbare ambulante Versorgungsalternative.
Für den Rettungsdienst bedeutet das: Er wird auch dann zum Problemlöser, wenn die eigentliche Aufgabe weniger in einer klassischen Notfalltherapie als in der Versorgung einer Krise am Lebensende besteht. Die DGP sieht darin einen wesentlichen Grund dafür, dass Patienten ungeplant ins Krankenhaus gebracht werden, obwohl eine Klinikeinweisung möglicherweise nicht indiziert oder von den Betroffenen nicht gewünscht ist. Dort könne sich eine intensivmedizinische Übertherapie anschließen.
Die DGP fordert deshalb eine kurzzeitige Notfall-Palliativversorgung als aufsuchende Krisenintervention. Sie soll insbesondere Menschen erreichen, die bislang nicht von einem spezialisierten ambulanten Palliativteam versorgt werden. Ziel ist es, Krisen im häuslichen Umfeld oder im Pflegeheim auffangen zu können und nicht indizierte bzw. nicht gewünschte Klinikeinweisungen zu vermeiden.
Patientenverfügung unter Zeitdruck
An der Einsatzstelle kommt ein weiteres Problem hinzu: Der Patientenwille muss nicht nur beachtet, sondern zunächst zuverlässig festgestellt werden. Eine Patientenverfügung kann dabei helfen – in der konkreten Notfallsituation wirft sie aber mitunter neue Fragen auf. Ist sie auf die aktuelle Situation anwendbar? Welche Maßnahmen wollte der Patient tatsächlich ausschließen? Was gilt, wenn der Patient nicht mehr selbst entscheiden kann und Angehörige, Betreuer oder Bevollmächtigte unterschiedliche Vorstellungen äußern?
Eine 2025 veröffentlichte Studie beschreibt Patientenverfügungen deshalb nicht als einfache Ja-Nein-Entscheidung für oder gegen eine Behandlung. Medizinische, ethische und juristische Fragen treffen auf eine Situation, in der Informationen fehlen können und Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Besonders belastend wurde dies von den befragten Notärzten empfunden, wenn der Behandlungswunsch des Patienten unklar war.
Problematisch kann sogar die Frage nach einer Patientenverfügung werden. Die Autoren verweisen darauf, dass dadurch bei Behandelnden vorschnell der Eindruck entstehen könne, eine Situation sei medizinisch aussichtslos. Angehörige wiederum könnten die Frage so verstehen, als sollten grundsätzlich keine Maßnahmen mehr erfolgen. Palliativversorgung bedeutet jedoch nicht automatisch Therapieverzicht.
Fehlende Standards erhöhen die Unsicherheit
In ihrem 2025 veröffentlichten Fachbeitrag beschreiben Christina-Marie Krause und Sebastian Koch palliative Notfälle als häufig multifaktoriell und betonen die Notwendigkeit einer individuellen, patientenzentrierten Herangehensweise. Die Autoren weisen unter anderem darauf hin, dass trotz steigender Verordnungen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung detaillierte Erhebungen zu Häufigkeit und Art von Rettungsdiensteinsätzen bei Palliativpatienten fehlen.
Krause und Koch sehen zudem Bedarf an gezielten Schulungsangeboten. Eine stärkere Vernetzung zwischen Rettungsdienst und Palliativteams – einschließlich telemedizinischer Lösungen – könnte nach ihrer Darstellung ebenfalls zur Versorgung beitragen.
Auch die DGP sieht hier Handlungsbedarf. Auf ihrem Kongress im September 2026 kritisierte die Fachgesellschaft, dass Notfallreform und Empfehlungen zur Reform des Rettungsdienstes palliative Situationen bei Notfalleinsätzen zwar erkannt hätten, daraus bislang jedoch keine tragfähigen Konzepte entstanden seien.