(Bild: Ann Kosolapova/Shutterstock)Ulm (lse) – Schwere Verkehrsunfälle, Reanimationen ohne Erfolg, der Tod von Kindern oder Gewalt gegen Einsatzkräfte gehören für viele Beschäftigte im Rettungsdienst zum Berufsalltag. Die meisten verarbeiten diese Belastungen ohne langfristige gesundheitliche Folgen. Doch ein Teil entwickelt psychische Beschwerden, die professionelle Unterstützung erfordern. Ein neues digitales Angebot soll nun dazu beitragen, die Hemmschwelle für psychologische Hilfe zu senken und Betroffenen einen niedrigschwelligen Zugang zu Informationen und Austausch ermöglichen.
Ausgangspunkt ist das Projekt RUPERT (foRUm für Psychische gEsundheit im deutschen RetTungsdienst) der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Forschende haben jetzt Ergebnisse einer Pilotstudie mit 265 Rettungskräften veröffentlicht. Demnach standen die Teilnehmenden nach der Nutzung des Angebots professioneller psychologischer Unterstützung deutlich offener gegenüber. Dieser Effekt zeigte sich bereits nach vier Wochen und blieb auch nach zwölf Wochen bestehen.
Belastungen gehören zum Beruf – psychische Erkrankungen nicht
Psychische Belastungen sind im Rettungsdienst unvermeidbar. Neben außergewöhnlich belastenden Einsätzen wirken häufig auch dauerhafte Stressoren: Schichtdienst, Personalmangel, Zeitdruck, hohe Verantwortung sowie die ständige Konfrontation mit Leid und Tod. Hinzu kommen organisatorische Belastungen und zunehmende Gewalt gegen Einsatzkräfte.
Diese Faktoren erhöhen das Risiko für psychische Erkrankungen. Nach Daten des Robert Koch-Instituts berichteten 13,7 Prozent der Beschäftigten im Rettungsdienst, innerhalb eines Jahres an einer Depression erkrankt gewesen zu sein. Damit liegt der Anteil etwa doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Gleichzeitig fällt es vielen Betroffenen schwer, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gründe sind unter anderem die Sorge vor Stigmatisierung, vermeintliche Schwäche oder befürchtete berufliche Nachteile. Gerade in einem überwiegend männlich geprägten Berufsfeld spielen solche Hemmnisse nach Einschätzung der Forschenden eine wichtige Rolle.
Online-Plattform garantiert Anonymität
Hier setzt RUPERT an. Das kostenfreie Angebot kombiniert zwei Bausteine: ein moderiertes, anonymes Online-Forum speziell für Rettungskräfte sowie eine Informationsplattform mit praxisnahen Inhalten zur psychischen Gesundheit. Dort finden Nutzer unter anderem Informationen über Stressreaktionen, Depressionen, Präventionsmöglichkeiten, Selbstfürsorge, Resilienz und Unterstützungsangebote. Ergänzt werden die Inhalte durch Erfahrungsberichte anderer Einsatzkräfte sowie konkrete Übungen für den Alltag.
Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe soll insbesondere die Anonymität dazu beitragen, bestehende Hemmschwellen abzubauen. Rettungskräfte können sich ohne Offenlegung ihrer Identität mit Kolleginnen und Kollegen austauschen und sich über professionelle Hilfsangebote informieren.
Warnsignale früh erkennen
Nicht jede belastende Einsatzsituation führt zu einer psychischen Erkrankung. Fachleute unterscheiden zwischen normalen Belastungsreaktionen nach außergewöhnlichen Ereignissen und Beschwerden, die über längere Zeit bestehen bleiben oder sich verstärken.
Zu den häufig beschriebenen Warnsignalen gehören wiederkehrende belastende Erinnerungen an Einsätze, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Gereiztheit, sozialer Rückzug, emotionale Abstumpfung oder anhaltende Niedergeschlagenheit. Auch Schuldgefühle, zunehmender Alkohol- oder Medikamentenkonsum sowie der Verlust von Freude an bisher wichtigen Aktivitäten können Hinweise darauf sein, dass Unterstützung notwendig wird. Halten diese Symptome über Wochen an oder beeinträchtigen sie Beruf und Privatleben deutlich, empfehlen Fachgesellschaften eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung.
Hilfe beginnt oft im eigenen Team
Professionelle Therapie ist nur ein Bestandteil psychosozialer Unterstützung. In vielen Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen haben sich inzwischen abgestufte Unterstützungsangebote etabliert.
Eine zentrale Rolle spielen kollegiale Gespräche unmittelbar nach belastenden Einsätzen. Solche strukturierten Nachbesprechungen dienen nicht der Therapie, sondern ermöglichen es, Eindrücke einzuordnen, emotionale Reaktionen zu normalisieren und frühzeitig Unterstützungsbedarf zu erkennen. Ergänzend kommen speziell geschulte Peer-Betreuer zum Einsatz. Sie kennen die besonderen Belastungen des Einsatzalltags aus eigener Erfahrung und können Betroffene bei Bedarf an weiterführende Hilfen vermitteln.
Die Initiative “Hilfe für Helfer” des Deutschen Feuerwehrverbandes verfolgt seit vielen Jahren genau diesen Ansatz. Ziel ist es, Einsatzkräfte nach belastenden Ereignissen zu stabilisieren, Führungskräfte für psychische Belastungen zu sensibilisieren und langfristige gesundheitliche Folgen möglichst zu verhindern. Das Programm entstand ursprünglich für Feuerwehren, wird inzwischen aber auch von anderen Organisationen im Bevölkerungsschutz genutzt.
PSNV-E als fester Bestandteil der Einsatznachsorge
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E). Anders als die PSNV für Betroffene und Angehörige richtet sie sich ausschließlich an Helferinnen und Helfer nach belastenden Einsätzen.
Die Handlungsempfehlungen der Hanseatischen Feuerwehr-Unfallkasse Nord beschreiben PSNV-E als mehrstufiges System. Dazu gehören präventive Maßnahmen bereits während Ausbildung und Dienstalltag, strukturierte Nachsorge nach belastenden Ereignissen sowie professionelle psychologische oder psychotherapeutische Behandlung, wenn die Belastung nicht mehr aus eigener Kraft bewältigt werden kann. Entscheidend sei dabei, belastete Mitarbeitende möglichst früh zu identifizieren und passgenau zu unterstützen. Ein einmaliges belastendes Ereignis müsse dabei nicht zwangsläufig Auslöser sein; häufig wirkten viele kleinere Belastungen über längere Zeit zusammen.
Auch die Informationsplattform Sicherer Rettungsdienst verweist darauf, dass psychische Belastungen kein individuelles Versagen darstellen, sondern als normale Reaktion auf außergewöhnliche Beanspruchungen verstanden werden sollten. Führungskräften komme deshalb eine besondere Verantwortung zu, Warnsignale wahrzunehmen und eine offene Gesprächskultur zu fördern.
Kulturwandel im Rettungsdienst
Noch vor wenigen Jahren galt es vielerorts als selbstverständlich, belastende Einsätze möglichst schnell “wegzustecken”. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass psychische Gesundheit ebenso selbstverständlich geschützt werden muss wie die körperliche Gesundheit der Beschäftigten.
Die Ergebnisse der RUPERT-Studie deuten darauf hin, dass digitale, anonyme Angebote diesen Wandel unterstützen können. Sie ersetzen zwar keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung, können aber dazu beitragen, psychische Belastungen früher wahrzunehmen, Vorbehalte gegenüber professioneller Hilfe abzubauen und den ersten Schritt in das bestehende Hilfesystem zu erleichtern. Gerade in einem Berufsfeld, das täglich anderen Menschen in Krisensituationen hilft, könnte dieser niedrigschwellige Zugang dazu beitragen, dass Helfende selbst rechtzeitig Unterstützung erhalten.